Digitalisierung: Wo Licht ist, da ist auch Schatten

Die Digitalisierung und ihre Chancen sind unser Steckenpferd. Heute möchte wir jedoch etwas nachdenklichere Töne anschlagen und Risiken der Digitalisierung beleuchten.

Digitalisierung: Wo Licht ist, da ist auch Schatten

Digitalisierung so bedeutsam wie Industrialisierung

Die Bedeutung der Digitalisierung ist in etwa so groß wie die der industriellen Revolution. Aus einer Agrargesellschaft wurde eine Industriegesellschaft. Das führte zu einem rasanten Wachstum von Technik und Wissenschaft. Auch die Produktivität stieg ins Unermessliche. Doch die industrielle Revolution brachte auch Probleme mit sich. Gleichzeitig kam es nämlich zu einem enormen Auseinanderklaffen zwischen den sozialen Schichten. In den neuen Fabriken bildete sich ein Lohnarbeiterproletariat heraus. Selbst Kinder mussten oft zwölf Stunden und mehr am Tag hart körperlich arbeiten.

Ähnlich wie die industrielle Revolution birgt auch die Digitalisierung ein großes Risikopotenzial, dem wir uns heute widmen wollen.

Mensch oder Maschine?

Was damals der Webstuhl war, sind heute Computer, Roboter und Algorithmen. Die Technik kann den Menschen in vielen Bereichen ersetzen. Das kann jedoch drastische Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben. So sieht es beispielsweise Horst Neumann, Personalvorstand bei VW. Derzeit beschäftige VW noch ca. 100.000 Mitarbeiter in den deutschen Werken. Die Hälfte davon ist in der Produktion tätig. In 20 Jahren könnten diese Arbeitsplätze fast komplett durch Roboter ersetzt werden. Die sind nämlich günstiger und übernehmen selbst die monotonsten Aufgaben ohne Widerrede. In dieser Entwicklung ist VW aber kein Einzelfall. Algorithmen erlauben es, Online-Händlern passgenaue Produktvorschläge an ihre Kunden zu geben. Teilweise sind sie sogar besser als der menschliche Verkäufer. Auch in andere Bereichen ist eine solche Entwicklung vorstellbar. Die genauen Ausmaße sind aber noch nicht abschließend ersichtlich. Dass Computer dem Menschen auch außerhalb der Arbeitswelt überlegen sein können, zeigt sich am Beispiel des in Asien beliebten Brettspiels Go. Anfang 2016 hat das Computerprogramm AlphaGo den Go-Profi Lee Sedol geschlagen. Dabei galt das Spiel lange Zeit als zu komplex für den Computer, denn Go hat eine so große Zahl möglicher Züge, dass selbst leistungsstarke Rechner überfordert sind. AlphaGo rechnet aber nicht alle möglichen Züge aus, sondern lernt das Spiel zu spielen und entwickelt neue Strategien, gegen die selbst Profis verlieren.

Leben in der eigenen Filterblase

Allerdings ist es nicht nur die Technologie selbst, die neue Probleme schafft, sondern auch deren Nutzer: der Mensch. Am besten lässt sich das an einem Vergleich zwischen der realen und der digitalen Welt zeigen.

Wer schon einmal in einem vollen Zug gesessen hat, weiß, wie nervig manche Mitfahrer sein können. In der virtuellen Welt können nervige Personen einfach auf die Ignoreliste gesetzt werden. In der realen Welt geht das nicht so leicht. Auf den ersten Blick klingt das aber nach einem großen Vorteil der Digitalisierung und der digitalen Welt. Wenn wir genauer hinschauen, erweist sich dieser Vorteil aber auch als Nachteil. Das Stichwort lautet: Filterblasen. In der digitalen Welt können wir ungeliebte Menschen einfach ausblenden und müssen uns dann nicht mehr mit diesen auseinandersetzen. Wir treffen also bloß noch auf Menschen, die unsere Meinung teilen. Dadurch werden wir in unserer Meinung bestärkt, selbst wenn diese falsch ist. Im Ergebnis führt das Leben in der eigenen Filterblase auch zu einer Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Wer sich nur mit gleichartigen Personen umgibt, verliert das Gespür für die Wünsche und Bedürfnisse der Anderen.

Letztlich sind wir so auch in ein postfaktisches Zeitalter gelangt, ein Zeitalter in dem die Bestätigung der eigenen Meinung und gefühlte Wahrheiten wichtiger sind als reale Fakten. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Informationsflut im Internet. Wer Wahrheit von Fiktion trennen will, braucht viel Zeit und einiges an Medienkompetenz. Dann ist es meistens doch leichter, einfach das zu nehmen, was der eigenen Meinung entspricht.

Daten sind Gold wert

Mit der Digitalisierung hat eine neue Ressource stark an Bedeutung gewonnen: Daten. Tagtäglich füttern wir das Internet mit unseren Daten, oft sehr sorglos. Dabei sind viele Angebote im Internet überhaupt nur deshalb für uns kostenlos, weil wir mit Daten bezahlen. Alter, Geschlecht und Wohnort sind zusammen beispielsweise 0,7 amerikanische Cent wert . Informationen über bestimmte Krankheiten bringen dagegen schon 26 Cent. Wenn wir im Internet unseren Daten preisgeben, verlieren wir also ein Stück weit die Kontrolle über sie. Denn wir wissen nicht, wer sie letztendlich zu sehen bekommt. Damit einhergeht der Verlust unserer Privatsphäre.

Unsere Daten können letztlich auch gestohlen werden. Das ist jüngst bei der abgeschalteten Plattform mitfahrgelegenheit.de geschehen. Hier wurden 638.000 Kontonummern oder IBANs,101.000 E-Mail-Adressen und 15.000 Telefonnummern, Namen und Adressen kopiert. Betrüger können so Identitäten erwerben und bei Betroffenen einen finanziellen Schaden verursachen.

Digitalisierung bewusst erleben

Es zeigt sich also, dass die Digitalisierung nicht nur positive Aspekte mit sich bringt. Für die Lösung der Probleme haben wir auch kein Patentrezept, allerdings glauben wir, dass schon viel erreicht ist, wenn wir alle einen bewussten Umgang mit der digitalen Welt pflegen. Außerdem sollten wir über die Entwicklung einer digitalen Ethik reden.